Über den Autor

Heiko Mehnert

Ursprünglich ist das Schreiben für Heiko Mehnert eine Art Trainingslager gewesen. Mangels kreativer Herausforderungen im Kommunikations- und Marketingalltag suchte er sich die letzten 30 Jahre immer wieder die Prosa, die Shortstory und den „gepflegten“ Roman zur „Bewusstseinserweiterung“, wie er sagt. Daneben führte diese Sehnsucht bis zur Erfindung eines ganzen Volkes, der „Olomen“. Auf dem Kunstherbst 2006 stand dann auch eine Großskulptur auf dem George-Grosz-Platz am Kurfürstendamm: „Der Turm der Olomen“. Die Reihe um Holger Krause handelt von absurden Vorfällen eines Berliners, der immer zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein scheint.

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Schwedische Geschwindigkeitsbegrenzung

Holger Krauses siebter Fall.

Vor dem Moment, nachdem alles nicht mehr so ist, wie es zuvor war, vor diesem Moment, in dieser Millisekunde bleibt ganz kurz die Zeit stehen, und man sieht sich dabei zu, wie man da so steht. Niemand wird aus dem Off „Noch einmal“, „Alles auf Anfang“ schreien, und der Cast stöhnt nicht erleichtert auf, weil man noch einmal von vorn anfangen darf. Als Holger Krause sich mit dem vollen Tablett im Restaurant des schwedischen Möbelhauses an den einzigen freien Platz weit und breit setzen wollte, zu dieser atemberaubenden Schönheit mit den langen blonden Haaren – absurd schwedisch –, hatte er nicht gewusst, was gleich passieren würde, ansonsten wäre er geflüchtet, hätte sich weggewünscht, wäre geflohen. Er hat das aber alles nicht geahnt. Aber was sollte er schon machen? Genau in diesem Moment dachte er, das Leben hat jetzt und genau jetzt eine Wildcard für mich bereitgestellt – dann greift Mann doch zu, oder?

Zur gleichen Zeit, nur etwas mehr als 300 Meter entfernt, rennt ein Mann stark humpelnd durch das Parkhaus desselben schwedischen Kaufhauses. Die Sonne blendet kurz sein schmerzverzerrtes Gesicht. Und wir ahnen, dass sein Blick über die deutlich herabhängende Schulter seinen Häschern gilt. In viel zu hellen Lederjacken folgen sie ihm, rennen an Menschen mit großen Einkaufswagen vorbei, auf denen sich große braune Kartons befinden. Schwer zu bewegen, so voll beladen. Die Männer stoßen die jungen Käuferinnen und Käufer weg. Und die Menschen schimpfen, ärgern sich über diese jungen hetzenden Heißsporne. Drei oder vier, wir können sie nicht genau erkennen. Bärte. Nach hinten gegelte Haare. So dermaßen klischeehaft, dass wir uns wegdrehen und unsere Billy-Regale weiter in das viel zu kleine Auto verstauen, verstauen wollen. Wir spüren den Schweiß, wie er uns den Rücken herunterläuft, direkt in die Unterhose, und wir schwören, nie wiederkommen zu wollen – für diesen Moment. Und wir wissen, dass das nur dem Schweiß geschuldet ist, weil wir wissen, dass wir wiederkommen werden, aber das steht auf einem ganz anderen Blatt, hoffen wir.

Wir wollen den flüchtenden Branko nennen, nur um ihm einen Namen zu geben. Er muss unendlich starke Schmerzen verspürt haben. Und jetzt erkennen wir auch, wie sehr er blutet. Dunkelrot tropft es aus dem Ärmel des schwarzen Anoraks, der schmutzig ist und schwer an seinem geschundenen Körper hängt. Er rennt, er schleppt sich in das Treppenhaus. Der Mann – vielleicht Mitte dreißig – stolpert, fällt, rappelt sich wieder auf und kommt so zum Ausgang des Parkhauses und fasst eine Entscheidung. Er will ins Möbelhaus, will zu den vielen Menschen an diesem Samstagvormittag in einem schon seit Tagen viel zu heißen Mai. Wieder dreht er sich um und sucht nach seinen Verfolgern. Aber die sind hängengeblieben in der wütenden Menge in der Tür zum Treppenhaus, weil sie zu aggressiv waren, sich mit den jungen Käufern anlegten, die nicht so ohne weiteres Platz machen wollten und fatalerweise glaubten, diese jungen Strauchdiebe mit Worten aufhalten zu können. Bis sie ihre Handfeuerwaffen sahen und die Frauen aufschrien, sich schützend über ihre Kinder warfen. Ganz bleich waren dann die Männer und ließen die Verfolger weiter durch das Treppenhaus zu Branko hetzen.

Genau in diesem Augenblick zieht sich Branko die Rolltreppe in die erste Etage hoch. Sie fährt, aber er muss schneller sein, muss seinen Verfolgern noch für einen Moment entfliehen. Er will in das Restaurant, dort sind die meisten Menschen. Sie werden ihm Schutz bieten. Seine Verfolger werden hier nicht wild um sich schießen. Es ist ein Wunsch, seine einzige Rettung. Und er erreicht das Restaurant. Wie in Zeitlupe stürzt er an den ersten Tischen vorbei. Wieder sind Kunden ob dieser ungewöhnlichen Störungen verärgert, wieder schimpfen sie Dinge wie „Pass doch auf !“ oder „Mensch, was soll das?“. Und gleichzeitig schreien die ersten auf, sie haben das Blut auf Brankos Anorak gesehen.
Und in diesem Moment spricht Holger Krause die junge Frau an, ob der Platz noch frei wäre und dass er sich vorstellen könne, sie zu lieben und zu heiraten. Sie nickt, und er glaubt, sie meine seinen Antrag. Noch im Sitzen sagt er ihr, dass es nur ein Scherz sei, aber sie hat von all dem nichts verstanden. Denn sie dreht sich zu den Rufen und halblauten Schreien um. Da kommt Branko wie in extremer Zeitlupe, einer Superslowmotion, auf sie zugestolpert. Am Ende seiner Kräfte. Jetzt erkennen wir auch eine automatische Waffe in seiner Hand, die schon komplett dunkelrot von dem Blut aus seiner Wunde ist. Er verdreht die Augen und fällt genau vor der schwedisch aussehenden, wunderschönen Frau zu Boden, will Halt suchen mit der Hand, mit der er sich trotzdem noch gleichzeitig an die Pistole krallt, als wenn sie sein Schutzengel wäre, der letzte Strohhalm, der einzige Ausweg. Und so schlägt er ungeschickt im Fallen mit genau dieser Hand gegen die Stuhllehne der Frau. Ein Schuss löst sich, er trifft die Frau, die sich gerade noch zum Schutz wegdrehen wollte, genau in die Schläfe. Ihr Kopf fällt auf das vor ihr liegende Tablett. Sie ist sofort tot. Branko zu ihren Füßen ebenso. Holger schreit, springt auf und rennt wild mit seinen Armen fuchtelnd von dem Tisch weg, genau in die Arme der Verfolger, die jetzt am Eingang des Restaurants stehen. Verblüfft und verunsichert zugleich. Sie sehen in der Ferne Branko am Boden liegen und wollen sich gerade umdrehen, als Holger angestürmt kommt.
Zur gleichen Zeit auf dem Dach des Parkhauses: Die starke Sonne hat Blasen auf der schwarzen Dachpappe des Flachdaches geworfen. Klaus Schmidt und Peter Lehmann, zwei Scharfschützen, liegen im Abstand von gut zehn Metern auf dem kleinen Absatz am Rand des Daches. Sie tragen schwarze Scharfschützenkleidung und schwitzen. Professionell lauschen sie den Anweisungen des Einsatzkommandos, das sich rund 500 Meter entfernt auf dem Parkplatz vor dem Möbelhaus befindet. In einem als Wohnmobil getarnten Fiat Ducato sitzen Horst Hartmann, Einsatzleiter, Gaby Borchert, Oberkommissarin, und zwei Kommissaranwärter, deren Namen wir nicht zu wissen brauchen. Alle vier schauen auf eine Monitorreihe, die zum einen die Blickwinkel der Scharfschützen zeigt und zum anderen eher schlechte Aufnahmen aus dem Möbelhaus. Die Polizei hat die Überwachungsanlage des Möbelhauses angezapft. Die Funkverbindung zu dieser Anlage ist jedoch sehr schlecht. Viel kann man nicht erkennen.
„Habt ihr freie Sicht auf die Ziele?“
„Es sind drei oder vier. Ja.“
„Ja.“
„Nein, jetzt nicht mehr, da stürmt jemand auf die Ziele zu, ist das einer von uns?
Ist das einer von uns? Bitte bestätigen!“, spricht Klaus Schmidt nun aufgeregt in
sein Headset.
„Negativ, wir kennen den nicht.“
„Erbitte Anweisungen.“
„Habt ihr freie Sicht auf die Ziele?“
„Negativ, der Typ springt zwei an.“
„Ja, wir können das auch erkennen. Was macht er denn jetzt?“
„Er umarmt eines der Ziele.“
„Und?“
„Jetzt stürzen sich die anderen auch auf die beiden. Das ist ja unglaublich.“
„Was seht ihr!“, schreit der Einsatzleiter Horst Hartmann in sein Mikrofon, welches an seinem etwas zu großen Kopfhörer befestigt ist.
„Keine freie Sicht mehr. Das ist ein Haufen Menschen.“
„Bleibt in Bereitschaft. Gaby, was ist mit den Leuten im Gebäude, sind sie jetzt
vor Ort?“
„Ja, Chef, sie sind jetzt in den Toiletten, und wir haben noch zwei Zivilbeamte im Kassenbereich.“
„Zugriff!“
Zur gleichen Zeit liegt Holger Krause unter zweien der Verfolger und bekommt
kaum noch Luft, schreit jedoch aus vollem Leibe. Die Verfolger sind verwirrt. Auch sie können sich nicht bewegen, denn junge Einkäufer haben sich jetzt auch auf das Menschenknäuel geworfen. Übermütig, überhaupt nicht in der Lage, die Gefahr richtig einzuschätzen. Zwei Schüsse lösen sich aus den Waffen der Verfolger. Der eine schlägt in das Regal mit den schmutzigen Tabletts ein. Der andere trifft eine junge Frau aus Berlin-Lichtenberg in den Knöchel. Sie greift sich kreischend an das Fußgelenk. Jetzt erkennen wir sie. Es ist Iris Schünemann, eine ganz entfernte Bekannte von Holger. Sie war nur zufällig ebenfalls in dem Möbelhaus. Jetzt stürmen weitere Männer mit Schusswaffen in das Restaurant. Vier sind schwarz gekleidet und schreien wild. Einer von ihnen wirft eine Rauchbombe. Daraufhin bricht Panik im Restaurant aus. Die zwei Zivilbeamten können den dritten Verfolger festnehmen, werfen ihn schreiend zu Boden. Jetzt schreien übrigens alle im Restaurant. Die schwarz gekleideten Beamten treten die Schusswaffen aus den Händen der beiden anderen Verfolger. Jetzt bemerken wir, dass es zum Glück nur drei waren. Die beiden können sich unter dem Menschenknäuel immer noch nicht bewegen. Die Beamten versuchen sie aus dem Menschenhaufen hervorzuziehen. Holger hört plötzlich auf zu schreien. Er ist jetzt ganz ruhig.

Vier Monate später in einer psychotherapeutischen Praxis nahe dem Kurfürstendamm. Eine Frau mittleren Alters vergisst ihren Beruf und beginnt Fragen zu stellen, statt einfach zuzuhören.
„Und das war eine ukrainische oder rumänische Waffenschieber- oder Menschenhändlerbande? Und Sie sind auf die drei Angreifer zugerannt? Und das führte letztendlich zur Festnahme? Haben Sie in einem dieser Augenblicke daran gedacht, dass Sie förmlich in die Pistolen gerannt sind? Und die verletzte Frau, ihre Bekannte, das war Zufall, dass sie auch im Möbelhaus war? Sie hatten sich nicht verabredet? Und sie haben dann später geheiratet?“
„Ja“, hört sich Holger Krause sagen.