Über den Autor

Bernd Oertwig

ist Schriftsetzer, Schriftsteller, Stadtwanderer, Berliner in der dritten Generation. Völlig vernarrt in seine Stadt. Er arbeitete als Lokalchef, Politikchef, Chefredakteur bei Print, Radio und Fernsehen. Schrieb über die Gladow-Bande im Nachkriegs-Berlin, über den alten Ami beim Rias, über die Tragödie der Familie hinter dem Schriftzug „Dem deutschen Volke“, über Liebe, Lust und Frust. Er gründete eine Promi-Fotoagentur, hilft dem Internationalen Auschwitz Komitee bei der Pressearbeit und denkt sich bei Radtouren durch Berlin Geschichten aus.

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Noch eine Nacht

Sie sitzt nackt auf dem Bett im Hotelzimmer. Die beiden großen Zehen stehen schlank übereinander. Roter Nagellack auf grauem Teppichboden. Vom Schlaf verstrubbeltes Haar. Sie hält ihre Achtunddreißigerfigur fast mühelos. Keine Kinder, keine Kleidergröße vierundvierzig. Sie liest den Brief. Auf ihrer Stirn eine steile Falte. Sie atmet ein paar Mal tief ein und aus. Gefühlskontrolle.

***

Rückblende.
Am Abend zuvor trafen sie sich das erste Mal seit Jahrzehnten. Kein Kontakt in all den Jahren, nichts. Dann ganz plötzlich eine Facebook-Nachricht von ihm. Er sei nur kurz in der Stadt. Geschäftlich. Ob sie Lust auf ein Abendessen oder einen Drink hätte. Sie war seltsam aufgeregt.

Er wohnte im Ellington in der Nürnberger Straße. Ihre übliche Schlendertour in der City West begann am Olivaer Platz, Ku’damm immer geradeaus, Tauentzienstraße, Wittenbergplatz, KaDeWe und zurück. In der Nürnberger Straße war sie lange nicht. Violette Lichtstreifen an der Hotelfassade trennten im Abendlicht die Stockwerke. Hundertfünfzig Meter Neue Sachlichkeit. Gebaut Ende der zwanziger Jahre. Hier küssten sich Art déco und Bauhaus. Im Hof befand sich das Varieté Femina. Mit gläsernem Kuppeldach zum Öffnen. Josephine Baker ließ auf der Bühne Bananen um die Hüften kreisen, steht in alten Texten.

Sie blieb stehen und versuchte sich zu erinnern. Nichts mehr zu erkennen von der legendärsten Disco der Halbstadt. Damals eine polierte Doppeltür aus Metall, fett DSCHUNGEL über dem Eingang. Blickdichte Jalousien. Alles verschwunden. Dschungel. Für ein paar Jahre ihr Leben. Wilde Jahre. Sie mittendrin, in diesem Strudel des irren Westberlin von Ende der Siebziger bis weit in die Achtziger.

Sie war neugierig auf ihn. Er erwartete sie an der Bar. Sie taxierte ihn mit vertrauter Selbstverständlichkeit. Was hatte die Zeit aus ihm gemacht? Er sah erstaunlich fit aus. Nur ein kleiner Bauch, das Hemd saß locker. Erleichtert registrierte sie, dass er auf einen Hipster-Bart verzichtete. Es wäre auch schade um seine Grübchen gewesen, die sie vom ersten Augenblick an geliebt hatte. Sein Haar war an den Seiten grau und oben schütter. Damals trug er seine Locken bis auf die Schultern. Wie früher waren seine grünen Augen ständig unterwegs. Gut sitzender Anzug, keine Krawatte, glänzende Schuhe, gepflegte Hände, kein Ehering. Sie konnte sich Gerüche schon immer gut merken. Gerüche erzeugten Bilder in ihrem Kopf. Sie mochte die Bilder, die auftauchten, als ihr sein Duft in die Nase stieg. Diese Mischung aus Mann und dem Parfüm, das er damals schon trug. Erinnerungen.

Sie hatte sich für diesen Abend nicht besonders zurechtgemacht, wenn auch mehr als üblich, wie sie zugeben musste. Gut, der Friseur war ohnehin geplant. Sie hatte ein flippig geschnittenes Kleid ausgesucht, das ihre Figur betonte und die kritischen Stellen vertuschte. Dezentes Make-up. Am Ende entschied sie sich auch für halterlose Strümpfe. Die hatten ihn damals immer etwas aus der Fasson gebracht. Risiko. Sie wäre sich darin albern vorgekommen, hätte er sich in einen Klops ohne Stil und Geschmack verwandelt. So aber war alles gut.

Sie saßen an der Bar nebeneinander. Im Hintergrund die Musik aus dem Studio vom JazzRadio. Er bestellte Wasser und Wodka, sie ließ sich Weißwein bringen. Sie sahen sich an. „Du siehst fantastisch aus“, sagte er leise und nahm ihre Hand. „Danke“, antwortete sie, lächelte und ließ ihm die Hand.

Sie sahen sich an, sie erzählten voneinander. Er von einer gescheiterten Ehe und zwei erwachsenen Söhnen. Sie von Beziehungen ohne Trauschein und ohne Kinder, die sie schon damals nicht wollte. Es fühlte sich gut an, bei ihm zu sitzen, mit ihm zu reden. Sich mit ihm zu erinnern. Zu lachen. Weißt du noch?

Früher. Ihre wilde Zeit. Damals, fast an diesem Ort. Im Dschungel. Sie war von der Beamtenspießigkeit der Eltern zu Hause geflüchtet, studierte Kunst und jobbte ein paar Abende in der Woche an der Bar auf der Empore. Die weiße Wendeltreppe mit den dreizehn Stufen nach oben. Das Aquarium stammte noch aus dem Chinarestaurant, in dem dann der Dschungel wuchs.
Sie war schon damals so: Sie dachte schnell, hatte eine scharfe Zunge, war eine kleine Giftkröte. Ihr Schutz vor den Kerlen, die an der Bar standen, ihr auf die Bluse starrten und sie anbaggerten. Der schwule wilde Maler nicht und nicht die Jungs aus seiner Band. Aber sonst wären die meisten gerne mit ihr losgezogen. Punks und Poeten, Freaks und Freigeister, Schreiberlinge und Schauspieler. Sie brauchte sie alle nicht. Verkaufte ihnen Drinks, nicht ihre Seele. Schon gar nicht ihren Körper. Er studierte damals Germanistik, lebte von Kneipenjobs und ein bisschen Geld von zu Hause. Als der Dschungel vom Winterfeldplatz in die feinere Ku’damm-Gegend zog, wanderte er mit. Im neuen Laden drückten sie ihm gleich den Chip in die Hand. Freier Eintritt lebenslang für Stammgäste. Alle anderen mussten zehn Mark bezahlen. Wenn sie es überhaupt durch die Tür schafften, die damals schon bewacht wurde wie heute alle angesagten Clubs.

Er legte ein Schlüsselbund auf den Tisch. Der rote Chip aus Plastik. Zerkratzt, gebraucht. Aber: der Chip. Für den ihn damals in Westberlin jede Menge Leute eins auf die Nase gegeben hätten. Nur um eine Nacht dabei zu sein. Im Dschungel, der Ende der Siebziger einen auf Studio 54 wie in New York machte. Nichts mehr mit Latzhosen und zerrissenen Parkas wie am Winterfeldplatz. Die Macher trugen weiße Hemden, Anzüge, Krawatten und Fliegen, die Ladys Kostüme und Pumps. Selbst die eisenharte Türsteherin. Alles edel und irre.

Er hielt einen alten grauen Schlüssel hoch. Den habe ich auch behalten. Sie wusste nicht, wovon er sprach. Iggy Pop. „Kannst du dich an die Nacht erinnern?“ Sie nickte langsam. Schwach, ganz schwach tauchte etwas auf. Das war ein Zentralschlüssel für die alten Berliner Telefonzellen.

Er war in dieser Nacht zwischen zwei und drei auf den Weg in den Dschungel. Die übliche Zeit für ihn. Vorher war wenig los. An der Straßenecke stand ein schmaler Kerl mit langen Haaren in der Telefonzelle. Zugedröhnt laberte er vor sich hin. Der Zentralschlüssel, den ihm ein Kumpel von der Post besorgt hatte. Er zog ihn aus der Tasche, schloss den Schmalen ein. Einfach nur so. Nichts Persönliches.

Später hörte er, dass die Bullen Iggy Pop aus der verrammelten Telefonzelle holen mussten. Hätten sie ihn durchsucht, wäre ihnen jede Menge Zeugs vor die Füße gefallen. Haben sie aber nicht. Hatte Iggy später selber erzählt. Sogar in der Zeitung stand die Geschichte: „Polizei befreite Rockstar aus Telefonzelle“.

Damals wohnte sie in einer Kommune, keine Viertelstunde vom Dschungel entfernt. Am Ende der Nacht, als er den Schmalen in die Telefonzelle gesperrt hatte, nahm sie ihn mit. Er war die ganz große Ausnahme. Damit fing es an. In dieser Nacht. Sie bleiben ziemlich lange ein Paar. Und Dschungel, immer wieder Dschungel. Auch als sie längst nicht mehr hinter der Bar stand und er sein Studium beendet hatte.

„Ich liebe dich nicht mehr“, hatte sie eines Tages gesagt. Er hatte genickt. Es war zu Ende. Paragraf eins: Jeder macht seins. Ohne ein böses Wort, ohne Zoff. So liebevoll, wie sie zusammengekommen waren, gingen sie auch auseinander. Vielleicht wären sie Freunde geworden, wenn sie Kontakt gehabt hätten. Sie verloren sich.

Bis jetzt. Als er sich plötzlich auf Facebook bei ihr meldete.
Der Wein war exzellent, und als er sie später fragte, ob sie nicht Lust hätte, sich sein Zimmer anzusehen, kramte sie in ihrer kleinen Handtasche. Und zog einen Schlüsselring heraus, an dem ein silberner Chip baumelte. Ihr Dschungel-Chip. Silber für die Mitarbeiter. Freier Eintritt, logo.

Sie fuhren in den ersten Stock. Das Zimmer war groß, kühl, sachlich. Kingsize-Bett, Fernseher auf Rädern, Schreibtisch, weißes Leder auf Stahlrohrstühlen. Jazz-Hotel. „Weißt du, wo wir hier sind?“ Sie hatte keine Ahnung. „Ziemlich genau hier war die Dschungel-Bar. Hier habe ich mich in dich verliebt. Deshalb habe ich genau dieses Zimmer haben wollen.“ Sie schloss die Augen, und die Bilder tauchten auf, von ganz unten aus dem See der Vergangenheit. Die schwarzen Hocker an der Bar, der Springbrunnen, die schwarzgelben Fliesen, die kleinen Sofas mit den hässlichen blauen Cordbezügen. Die vielen wahnsinnigen Partynächte.

Nichts in dem Zimmer erinnerte daran. Sie bat ihn, das Licht zu löschen und die bodenlangen Vorhänge zuzuziehen. Sie schämte sich wegen ihrer Falten. Sie wollte nicht, dass er sie sah. Er sollte mit der Frau ins Bett gehen, die er früher gekannt hatte.
Als sie danach in seinem Arm lag, fühlte sie sich wohl. Aufgehoben. Nach dieser langen Zeit. Verrückt irgendwie, fand sie. Sie hatte ewig nicht mit einem Mann geschlafen. Im Bad hatte sie einen Blick in seinen Kulturbeutel geworfen und die kleinen gelben Pillen entdeckt. Sie war nicht erstaunt, wie standhaft er war.

Er war sehr höflich zu ihr, sehr rücksichtsvoll. Er holte ihr einen Nachttrunk aus der Minibar. Sie schlief schnell ein.

Sie wachte auf, ihr brummte der Schädel. Das Bett neben ihr war leer. Ein Brief lag auf dem Kopfkissen. Sie zog die Gardine zurück, ging ins Bad, nahm sich ein Glas Wasser, setzte sich aufs Bett und las.

„Es war eine wunderbare Nacht. Du hättest Dich nicht verstecken müssen. Alles an Dir liebe ich, wie ich es damals geliebt habe. Du bist wunderschön. Ich war nicht ganz ehrlich. Natürlich wohne ich noch in Berlin. Wo sonst? Es war mir wichtig, Dich nach den vielen Jahren wiederzusehen. Der Ort war mir wichtig. Unser Platz. Du warst die große Liebe meines Lebens. Auch wenn ich Dir das nie gesagt habe. Als ich Dich gestern Abend sah, ist mir fast das Herz stehen geblieben. Könnte ich Dich doch an die Hand nehmen und auf unserer gemeinsamen Zeitstraße zurücklaufen, bis zu der Stelle, an der ein Weg nach links und der andere nach rechts ging. Wir hätten vielleicht den dritten nehmen sollen. Geradeaus. Wie John Wayne, wenn er in den Sonnenuntergang geritten ist. Wir sind aber nicht in den Sonnenuntergang geritten. Jeder von uns suchte sich seinen eigenen Pfad durch das Leben. Was hätte sein können wenn? Du hast mich letzte Nacht glücklich gemacht. Wir werden uns nicht wiedersehen. Ich habe Krebs und nur noch ein paar Wochen. Wenn Du das liest, bin ich auf dem Weg ins Hospiz. Vermutlich war es mein letzter Abend draußen. Den wollte ich unbedingt mit Dir verbringen. An diesem Platz. Danke für das Geschenk. Danke für die Nacht.“

***

Sie duscht mit viel kaltem Wasser und zieht sich an. Sie faltet den Brief und steckt ihn in ihre kleine Handtasche. Vor der Tür, auf dem Boden, liegt sein roter Dschungel-Chip. Sie hebt ihn auf, küsst ihn und fädelt ihn neben ihren silbernen an den Schlüsselring ein.

Auf dem Weg nach draußen ist es ihr egal, ob jemand ihre Tränen sieht.