Britt Gerken

Über die Autorin

Claudia Jüngling

lebt in Würzburg und wollte schon immer mal nach Berlin. Aus diesem Grund hat sie sich an dem Schreibwettbewerb beteiligt – schön, dass es geklappt hat! Pikanterweise hat sie tatsächlich zwölf Jahre in einem Museum gearbeitet, möchte dazu allerdings keine weiteren Informationen mit der Öffentlichkeit teilen. 2017 erschien ihr Roman Flohsommer im Echter Verlag, und sie hofft, in einer zukünftigen Ausgabe von Schlaflos* im ELLINGTON mit einer längeren Liste von Bestsellern vertreten zu sein.

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Neue Kunst in altem Gewand

Meine Mutter wollte mich Anastasia nennen, nach der geheimnisvollen letzten Zarentochter, von der sie damals dachte, sie wäre eine echte Person.
Mein eher konservativer Großvater wehrte diesen Vorschlag kategorisch ab und forderte einen althergebrachten Namen für sein erstes – und leider einziges – Enkelkind.
Seiner Meinung nach sollte ich, wie es früher üblich war, nach der Heiligen benannt werden, an deren Gedenktag ich das Licht der Welt erblickte. Wie üblich setzte er sich durch, bestärkt durch das Schicksal.
Da ich am 16. Oktober, dem Gedenktag der Hedwig von Andechs, in der Nähe der großen Sankt-Hedwigs-Kathedrale im Berliner Stadtteil Friedrichstadt geboren wurde, tauften sie mich auf die Namen Hedwig Friederike. Heute sind diese altmodischen Namen wieder beliebt, aber in meiner Kindheit hießen andere Mädchen Sandra, Claudia oder Karin.
Trotz des Namens wurde ich erwachsen und bin heute Restauratorin. Mein Beruf besteht im Grunde darin, eine Arbeit zu leisten, die niemand bemerken soll. Gegenstände, die Jahrhunderte alt sind, sollen zwar alt aussehen, aber nicht schäbig. Meine Aufgabe ist es, die Natur zu betrügen und den natürlichen Verfall zu bekämpfen. Ich konserviere Kunst vergangener Tage für die Ewigkeit, damit sie, ihrem ursprünglichen Zusammenhang entrissen, gleichgültigem, oberflächlichem Volk gezeigt werden kann.
Ich arbeite als freie Restauratorin für mittelalterliche Tafelbilder, was für mich einen harten Konkurrenzkampf mit Kollegen bedeutet.
Meist bekommt der den Auftrag, der am billigsten arbeitet. Ich gebe keinen Stundenlohn an, sondern einen festgelegten Preis. Falls die Arbeit langwieriger ist als ursprünglich eingeschätzt, muss ich manchmal Nächte durcharbeiten, ohne dafür mehr bezahlt zu bekommen.
Eigentlich war es aber nicht der ständige Mangel an Geld, der mich dazu brachte, mein Wissen und meine Kunstfertigkeit auf andere Art einzusetzen.
Es war anfangs nur der Wunsch, selbst kreativ sein zu dürfen, Anerkennung zu finden.
Begonnen habe ich mit Holzfiguren. Als neben meiner Wohnung ein altes Haus abgerissen wurde, nahm ich von den alten Holzbalken die besten Stücke mit. Ein befreundeter Bildhauer zeigte mir Techniken und lieh mir Werkzeug. Mehr durch Zufall als durch Absicht konnte ich meine erste Figur, eine kleine ungefasste Hausmadonna, an einen kunstinteressierten Mitmenschen verkaufen.
Da meine Schnitzkünste meinen Malkünsten weit unterlegen sind, war es nur konsequent, aus dem alten Holz Bildtafeln anzufertigen.
Anfangs habe ich etwas übertrieben und das Holz mit Schrot beschossen. Aber zum einen ist es eine sehr mühevolle Tätigkeit, den Schrot wieder zu entfernen, zum anderen verlaufen die Gänge zu gerade, um tatsächlich von Holzwürmern zu stammen. (Bewährt hat sich das Schlagen des Holzes mit einer grobkörnigen Feile.)
Ich habe immer auf Holz gemalt, da es sich als sehr schwierig gestaltete, an alte, handgewebte Stoffe für Leinwand heranzukommen.
Die natürlichen Farben aus Mineralien und Pflanzen besitze ich durch meinen Beruf größtenteils ohnehin.
Ultramarinblau für den Mantel der Gottesmutter stelle ich aus Lapislazuli her, Erdfarben aus Tonerde.
Anders als für die Restaurierungen benutzte ich für meine eigenen Werke sogar giftige Zutaten wie Bleiweiß und Zinnober.
Ich habe die Pigmente zusammen mit Leinöl auf einer Glasscheibe vermengt, wie die alten Meister früher. Da diese Farben sehr langsam trocknen, schiebe ich die Bilder zum Aushärten immer in den Küchenherd.
Alterungsfirnis und Krakelierlack, mit dem die netzartigen Risse auf den Bildern entstehen, verleihen diesen den letzten Schliff. Alte Kunstwerke erfreuen sich überraschender Beliebtheit bei privaten Sammlern mit entsprechendem Vermögen.
Als freie Restauratorin habe ich den Vorteil, durch ganz Europa reisen zu können und so einen weit gestreuten Absatz für meine Werke zu finden. Ein schlechtes Gewissen habe ich eigentlich nicht. Den Käufern ging es meist darum, ein „echtes Schnäppchen“ zu erwerben. Außerdem habe ich nie Unterschriften gefälscht oder falsche Zertifikate ausgestellt.
Ich habe die Käufer lediglich auf Details aufmerksam gemacht, an denen Fachleute wie ich das Alter eines Bildes schätzen können, wie beispielsweise altes Holz oder natürliche Farben.
Bei 99 Prozent der Käufer ist es völlig egal gewesen, was auf dem Bild dargestellt ist, das sie mir abkauften.
Sie wollten nur wissen: „Ist es echt?“
Meine Bilder sind genauso gut gemalt wie die der alten Meister. Im Grunde sogar besser.
Gefälscht habe ich nie, da ich immer eigene Entwürfe benutze, in Anlehnung an bereits bekannte Werke. Aber alle Künstler haben schon immer Ideen voneinander geklaut.
Meine Kunden wollten den schönen Schein, und ich habe ihnen diesen gegen gute Bezahlung geliefert. Ich empfinde mich nicht als verbrecherischer Fälscher, aber ich weiß, dass ein Gericht das anders sehen würde.
Vermutlich würde mich auch Herr Dr. Tanner, der Archäologe des großen Berliner Museums, in dem ich momentan arbeite, verurteilen. Wenn er Beweise hätte.
Wie er mein zweites künstlerisches und finanzielles Standbein entdeckte, weiß ich nicht. Anfangs machte er nur Andeutungen, dass es doch merkwürdig sei, dass in letzter Zeit so viele spätgotische Andachtsbilder aufgetaucht wären. Und die meisten in Gegenden, in denen ich erst kürzlich war. Zuerst habe ich ihm kaum zugehört und seine aufdringlichen, unfreundlichen Fragen auf die umbaubedingte Auslagerung seines Büros in einen abgelegenen Gebäudetrakt und seine damit verbundene schlechte Laune geschoben.
Vor einigen Tagen kam er aber in meine Werkstatt, die sich im selben Trakt befindet, und wollte wissen, wie man bei mittelalterlichen Kunstwerken eine Fälschung von einem Original unterscheiden könne. Er schlich um mich herum, beäugte die Madonna, an der ich gerade arbeitete und orakelte geheimnisvoll, dass man nicht jedem vermeintlich alten Stück trauen könne und sich nie vom ersten Eindruck täuschen lassen dürfe. Er als Archäologe ginge immer allen Dingen auf den Grund und hätte keine Angst, im Dreck zu wühlen und sich die Hände schmutzig zu machen, um Fälschern das Handwerk zu legen. Während seines selbstgerechten, kämpferischen Vortrages blickte er mir direkt in die Augen. Ich tat, als würde ich seine Andeutungen nicht verstehen, und wandte mich wieder meiner Arbeit zu.
Eigentlich konnte er nicht wissen, dass die zu restaurierende Madonna, die eine großzügige Stiftung dem Museum als Dauerleihgabe überlassen hatte, mir vertrauter war, als sie es hätte sein dürfen. Ich muss zugeben, dass es mich stolz macht, meine Werke inzwischen auch in Museen anzutreffen – Berlin ist nicht die einzige Stadt, die sich, ohne es zu wissen, mit meiner Arbeit schmückt.
Das Aufgabengebiet der Restauratoren ist groß. Unter anderem gehört die Bekämp-fung von Holzwürmern zu meinen Aufgaben, die heutzutage meist durch Begasung mit Kohlenstoffdioxid erledigt wird. Ich habe einen ungewöhnlich starken Befall im Depot festgestellt und kurzfristig ein Panzerzelt zur Begasung der Objekte aufstellen lassen. Der große Vorteil dieser Zelte ist, dass man sie in Gebäuden aufstellen kann, wo sie vor randalierenden Mitbürgern geschützt sind. Wegen des durch den Museumsumbau bedingten Platzmangels musste es neben Dr. Tanners Notbüro gesetzt werden. Da Kohlenstoffdioxid ja natürlicher Bestandteil der Luft ist, sah niemand eine Gefahr durch diese Maßnahme. Außerdem sind die Zelte normalerweise dicht, und es kann kein Gas austreten, solange sie ordnungsgemäß verschlossen sind. Bedauerlicherweise hatte ich bei meiner morgendlichen Kontrolle starke Kopfschmerzen und Schwindelgefühle, weshalb ich eine größere undichte Stelle übersehen habe, durch die Gas ausgetreten ist. Natürlich kommt Kohlenstoffdioxid in der Atemluft vor und ist normalerweise tatsächlich ungefährlich, allerdings hängt das von der Konzentration des Gases ab. Ab acht Prozent ist CO₂ auch für Menschen tödlich und führt innerhalb einer halben Stunde zum Tod. Da das schwere Gas sich am Boden ansammelt, wäre es aber nur für jemanden gefährlich, der krabbelt. Oder auch für jemanden, der auf einer am Boden liegenden Matte entspannende Yoga-Atem-Übungen macht, wie Dr. Tanner es in der Mittagspause zu tun pflegte. Aufgrund der Enge in seinem Behelfsbüro legte er sich meist in den Gang, also unmittelbar neben das undichte Zelt.
Mir wurde keinerlei Schuld unterstellt – „Eine Verkettung unglücklicher Zufälle“, wie der Polizist aufmunternd sagte.
Herr Dr. Tanner wusste vermutlich viel, aber möglicherweise wäre er noch am Leben, hätte er auch gewusst, dass mein ungeliebter Name Hedwig „die kämpferische Kämpferin“ bedeutet und Aufgeben noch nie eine Option für mich war.