Britt Gerken

Über die Autorin

Britt Gerken

wurde 1969 geboren, ist Mutter von drei erwachsenen Töchtern und lebt mit ihrem Mann in Oldenburg. Hauptberuflich arbeitet sie als Arzthelferin in einer neurologischen Praxis und erlebt dort täglich, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Das Handwerkszeug als Autorin hat sie sich im Rahmen eines Fernstudiums sowie durch die Teilnahme an zahlreichen Schreibseminaren und -gruppen angeeignet.
Lesedauer: ca. 6 min

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Nackte Tatsachen

Panisch rüttele ich an dem mahagonifarbenen Koloss von Zimmertür. Ich muss auf die Toilette! Und zwar dringend, sonst hätte ich mein kuschelig-warmes Queensize-Bett ja gar nicht verlassen. Dummerweise bin ich dabei versehentlich in den Hotelflur gestolpert – splitterfasernackt. In meinem Kopf dreht sich alles. Ich schließe die Augen und lehne den Kopf an den kühlen Metallrahmen. Wie kann man nur so blöd sein! Denk nach, Ylvi! Ja, meine Eltern waren ihrer Zeit voraus, was kreative Namenswahl angeht. Sie hatten ein Faible für Skandinavien zu einer Zeit, als alle anderen für die italienische Adria schwärmten. Dabei bin ich alles andere als eine elfengleiche Ylvi mit feinem blonden Engelshaar. Ich bin eher eine derbe Tjorven. Oder eine dralle Walburga. Eine echte Ylvi wäre jetzt mit hochgerecktem Kinn und steil aufgerichteten Brustwarzen an die Rezeption geschwebt und hätte sich von einem Nachtportier mit knallroten Ohren die Zimmertür öffnen lassen. Aber ich? Ich kenne niemanden in diesem Hotel, der mir aus dieser prekären Lage helfen könnte. Ich schluchze leise auf. Ja, ich gebe es zu, ich bin nicht nüchtern, da werde ich schnell mal sentimental. Der Wein aus der Minibar war erstaunlich gut und hat die Klebrigkeit der einsamen Cocktails an der Hotelbar wieder vertrieben.

Unschlüssig starre ich den ewig langen Flur hinunter. Fahrstuhl oder Treppe? Ein leises „Pling!“ vom Ende des Ganges nimmt mir die Entscheidung ab. Der Fahrstuhl um die Ecke spuckt eine Horde johlender Kerle aus, die sich offenbar nicht einigen können, wer denn nun in dieses Stockwerk gehört. Ich flüchte in die entgegengesetzte Richtung. Unentdeckt reiße ich die letzte Tür des Ganges auf. Das Treppenhaus. Gott sei Dank! Der Steinboden unter meinen Füßen ist kalt und unpersönlich. Ich krümme die Zehen, schlinge die Arme um meinen Körper und lausche hinter der Tür den Geräuschen auf dem Flur.

„Ischruffischan!“
„Abanissofrüh!“
Dann klappen zwei Türen zu und es herrscht wieder Stille. Betrunkene verstehen einander. Der eine soll den anderen anrufen. Der Groschen wandert langsam durch mein benebeltes Hirn, bis er schließlich fällt. Anrufen! Auf jeder Hoteletage gibt es doch ein Telefon! Leise öffne ich die schwere Brandschutztür und spähe in den Flur. Die Luft ist rein und ich pirsche über den Teppich. Tatsächlich steht in einer Nische bei den Aufzügen neben einem Plastikblumengesteck ein Telefon. Der Apparat ist unbeschriftet und ich drücke auf gut Glück die Taste mit der Eins. Atemlos presse ich den Hörer ans Ohr und höre ein Freizeichen. Nie wieder nackt schlafen, schwöre ich mir.
Der Fahrstuhl gegenüber setzt sich in Bewegung und zählt von null hoch. Ich starre auf den Zähler, beiße auf meinen Fingerknöchel und trippele auf der Stelle. Ich muss wirklich aufs Klo! Los! Nun geh schon jemand ran! 7 – 8 – 9 – 10 -11. Der Aufzug bleibt auf meiner Etage stehen.
„Och nö!“, stöhne ich, lege auf und fliehe erneut ins kalte Treppenhaus.

Rezeptionisten im Hotel erleben sicherlich schrägere Situationen als diese, beschließe ich, und nehme die Stufen nach unten im Schweinsgalopp. Dabei wippen meine warmen Brüste unter meinen Armen. Im fünften Stock muss ich kurz innehalten und durchschnaufen. Schwindelig ist mir auch wieder. So geht das nicht weiter mit mir! Ab morgen werde ich ein strenges Fitnessprogramm mit Kniebeugen, Klimmzügen und Seilspringen absolvieren! Ich warte einen Moment, bis das Treppenhaus nicht mehr Karussell mit mir fährt.
Plötzlich wird eine Etage tiefer die Tür zum Treppenhaus geöffnet. Mir rutscht das Herz in die nicht vorhandene Hose. Angespannt lausche ich, ob sich jemand auf den Weg nach oben macht. Doch ich höre nur Tuscheln, Wispern, Schmatzen, Gestöhne. Vorsichtig schiele ich über das Treppengeländer hinunter und traue meinen Augen nicht.

Haben die denn kein Zimmer, in dem sie es treiben können? Es klirrt, als seine Hose hinunterrutscht und die Gürtelschnalle auf den Boden prallt.
„Nicht doch!“, quiekt sie leise, „was machst du denn da?“ Ficken. Was sonst, du dumme Henne, denke ich.
„Na, ficken!“, grunzt er.
Genau, sag‘ ich doch. War ja auch nicht so schwer zu erraten. Als ich ein rhythmisches Klatschen höre und ein inbrünstiges Stöhnen durch das Treppenhaus hallt, nehme ich all meinen Mut zusammen und presche an den beiden vorbei.

Die Dame, die gerade im Stehen von einem schneeweißen Hintern beglückt wird, reißt ihre Augen auf und ihr T-Shirt runter, als sie mich erblickt, und stößt einen spitzen Schrei aus.
„Bist du etwa schon gekommen?“, keucht der Weißarsch und pumpt unbeirrt weiter.
„Da war eine nackte, dicke Frau!“, kreischt sie.
Aber ich bin schon weg und ein Stockwerk tiefer.
„Komm zurück, dir besorg‘ ich`s auch noch!“ Er lacht donnernd.
„Komm her und lass dich schön ficken! Ich schaffe auch zwei Weiber!“
„Fick dich ins Knie, du Weißarsch!“, rufe ich nach oben. Bloß weg hier! Meine große Klappe wird mich irgendwann noch mal umbringen. Gleich geschafft. Da ist es, das Erdgeschoss. Und der rettende Schriftzug an der Tür: Lobby.
Ein orgiastischer Schrei hallt durch das Treppenhaus.
„Scheiße, gib`s mir, Baby! Ja-a-a!“
Ich stecke vorsichtig meinen Kopf aus der Tür und linse in die pompöse Empfangshalle. Ein leises Surren schwebt über dem menschenleeren Raum. Auch der Empfangstresen ist unbesetzt.
An der mir gegenüberliegenden Seite der Halle klafft einladend ein Fahrstuhl mit geöffneter Tür. Daneben hängt eine Übersichtstafel: Konferenzräume 1 und 2. Lobby 0.
Wellness -1. Ein Wellnessbereich mit flauschigen Handtüchern im Bettlakenformat, die ich um meinen üppigen Körper winden könnte. Und Toiletten!
„Ey, fette Schlampe, bist du noch da?“, höre ich Weißarsch rufen.
Kurz entschlossen rette ich mich ins Innere des Fahrstuhls – des komplett verspiegelten Fahrstuhls. Um den nackten Tatsachen nicht ins Auge blicken zu müssen, schaue ich an die Decke – die verspiegelte Decke. Mein Haaransatz müsste nachgefärbt werden. Aber das ist jetzt nicht mein größtes Problem. Der nachdunkelnde Ansatz ist nur die Spitze des üppigen Eisbergs. Ich ziehe den Bauch ein, straffe die Schultern und recke das Kinn, denn eine aufrechte Haltung mogelt ein paar Pfunde weg und lässt einen eine Kleidungsgröße kleiner erscheinen. Stand zumindest in der letzten Brigitte. Meine Brustwarzen schielen dennoch verschämt Richtung Boden. Im Dunkeln mag ich meinen Körper durchaus. Haptisch ist er das reinste Vergnügen, aber optisch? Mir wird übel, und ich atme tief durch.

Im Untergeschoss empfängt mich ein sanfter Orangenblütenduft. Künstliche Palmen und ein Liegestuhl versprechen einen Strandurlaub inmitten der Großstadt. Ich stürze in den Damenwaschraum. Dort reiße ich die erstbeste Kabinentür auf und lasse mich in letzter Sekunde auf eine Toilette plumpsen. Dankbar lausche ich dem erleichternden Plätschern unter mir und schließe die Augen. Ich habe das Gefühl, auf einem schwankenden Schiff zu sitzen, und stütze mich mit einer Hand an der Kabinenwand ab.

„Hallo!“ Eine Männerstimme. Die Tür zum Waschraum wird geöffnet. Ach du Scheiße. Weißarsch muss mich gefunden haben und ich habe die Kabinentür nicht verriegelt!
„Hallo-o?“, ruft es wieder. Dann sehe ich durch den Schlitz unter der Kabinentür einen Schatten näherkommen. Direkt vor meiner Kabine bleibt er stehen. Mit angehaltenem Atem höre ich, wie er sich bückt. Instinktiv ziehe ich die Füße hoch und kneife die Augen fest zu. Mein Herz wummert so laut in meiner Brust, dass ich Angst habe, er könnte es hören.

Schnaufend erhebt er sich wieder und verlässt den Toilettenraum. Glück gehabt! Erleichtert atme ich tief durch und mache vor Aufregung direkt noch einmal Pipi. Ich werfe mein benutztes Toilettenpapier in die Toilette, stehe schwankend auf und beim Drücken des Spülknopfes bemerke ich: Das war jetzt falsch. Das Rauschen des Spülwassers durchbricht wie ein tosender Orkan die Stille der Nacht und der dröhnend einsetzende Selbstreinigungsmechanismus des Toilettensitzes versetzt mich in Panik. Ich muss weg hier! Der Lärm wird mich verraten! Ich reiße die Kabinentür auf und laufe in einen Mann in Hoteluniform, der direkt vor der Tür steht.
„Hier haben Sie sich versteckt!“ Er schmunzelt und lächelt mich aus strahlend blauen Augen an. Dann wendet er den Blick diskret von mir ab. Ich spüre, wie mir das Blut ins Gesicht schießt.
„Erlauben Sie?“ Mit abgewandtem Gesicht und einer gekonnten Armbewegung entfaltet er einen über dem Arm drapierten Trenchcoat und hält ihn mir gentlemanlike auf, sodass ich hineinschlüpfen kann.

„Sie müssen mich entschuldigen. Ich bin der Nachtmanager. Ich hatte Sie auf meinen Kameras beobachtet und gesehen, dass sie sich hier unten verstecken. Aber im Wellnessbereich ist eine Überwachung nicht erlaubt und ich habe ihre Spur verloren.“ Nach wie vor spielt ein leises Schmunzeln um seine Mundwinkel. Ich entdecke keine Häme. An seinem Jackett steckt ein Namensschild. Andreas Schmidt – Nachtmanager. Ich grapsche mir den Mantel und ziehe ihn mir über. Zum Glück ist er weit genug, sodass ich den Gürtel schließen kann.
Er lächelt, zwinkert mir zu und hält mir galant seinen Arm zum Einhaken hin.
„Erlauben Sie?“, fragt er erneut.

Zögerlich hake ich mich bei ihm ein und er führt mich durch den künstlichen Palmenhain zum Aufzug. Auf dem Weg nach oben lässt er mich nicht aus den Augen. In seinem Blick liegt mehr als professionelle Freundlichkeit. Ich weiß nicht, wo ich hinsehen soll, weiche dem Blick aus. Ich sehe uns in dem winzigen Spiegelsaal. Tausendfach. Ein geschniegelter Adonis in Hoteluniform. Und ein barfüßiges, rotwangiges Pummelchen im Trenchcoat. Sein warmwürzig duftendes Aftershave erfüllt den Raum.
„Müssen Sie öfter betrunkene nackte Frauen aus dem Keller retten?“, unterbreche ich die Stille.
Sein Lächeln vertieft sich. Der Fahrstuhl ist in meinem Stockwerk angekommen.
„Aber nie so schöne“, murmelt er und zieht eine Schlüsselkarte aus seiner Brusttasche.