Britt Gerken

Über den Autor

Erik Borchardt

wurde 2002 in Berlin geboren und schreibt seit seiner Kindheit, da er früher viel gelesen hat. Der Kurs Textproduktion in Klasse 12 an der Königin-Luise-Stiftung in Dahlem hat ihn sein Hobby (wieder-)entdecken lassen. Er reist viel und hat eine Zeit lang in den USA gelebt. Daher spricht er gut Englisch und schaut oft Serien auf Netflix in seiner Zweitsprache. Nach der Schule geht er ins Gym und spielt Tennis. Er möchte später einmal vielleicht nach Amerika ziehen. Sonst ist er viel auf Social Media aktiv und lässt sich dort in jeglicher Hinsicht inspirieren
(Instagram: @erik.borchardt). Er freut sich sehr, eine Geschichte von ihm publiziert zu sehen und dass Leute vielleicht an seinem Werk Gefallen finden.

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Kein Ausweg

Mein alter Geist wachte langsam auf: ich glitt in eine Oase des Friedens. Zufriedenheit und Wohlgefühl umhüllten mich, Emotionen, die ich nur in meinem Innersten spüren konnte. Obwohl mein Körper sich in einer unnatürlich verrenkten Position befand und entsprechend schmerzte, tat es gut, allein zu sein. Fast allein, denn ab und zu spülten Geräusche von außerhalb meines Schneckenhauses in meinen Verstand, wie ein Regenschauer im Juli auf die Straßen von New Orleans. Wenn sie abließen, gesellte sich zur Entspannung eine Angst hinzu, die Angst vor der Wiederkehr der Flut. Unterschwellig entwickelte sich die Angst zur Panik, die sich in einem Bereich des Schneckenhauses sammelte, kurz davor, zu explodieren. Die Blase nahm mir die Luft zum Atmen und fraß meine Gedanken. Ich zog mich zusammen, verkrampfte, verlor all die Motivation, die mich gerade noch trug. Als die Angst mich einklemmte, festhielt, folterte, nahm sie mir alles, außer den beiden Personen, die sicher vor ihr waren, an die ich mich mit aller mir verbliebenen Kraft klammerte. Waren sie sicher? Würden sie es schaffen? Würden sie überleben – ohne mich? Die Angst legte den Schalter um, das Licht flackerte. Ich musste hier herauskommen, dachte ich. Dem Elend entfliehen, für meine Liebsten da sein. Ich musste die Kaltschale brechen, damit die Hoffnung einströmen konnte. Hier drinnen war ich gefangen, Gewalt war ein Weg, der andere eröffnete sich zu meiner Linken. Ich rutschte aus den Fängen meines Peinigers und schlich durch den gewundenen Gang. Es war ein regelrechter Akt, den richtigen Weg zu finden – dann: Licht. Ich war mir sicher, dass ich es erreichen würde, fast schon war ich da. Ich konnte die Freiheit riechen.

Ein fast meine Trommelfelle zum Bersten bringender Knall ließ mich hochschrecken und hastig meine Glieder strecken. Ich erhaschte einen Blick auf das ebenfalls in geöffneter Position einrastende Tor der Zelle gegenüber. „Aufstellen, Insassen!“ Ich taumelte hoch und die vier Schritte aus meiner mausgrauen Zelle auf den Gang, vorbei an den glänzenden Stäben, die mich mit ihren tausend eisigen Augen verfolgten. Immer noch den leichten Druck auf der Brust, der sich auf meinem Oberkörper aufgebaut hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich gerettet war oder nicht.
Einen Fuß neben den anderen, bis beide Schuhsohlen und Knöchel aneinanderklackten, beide Arme klebten an den Seiten meiner orangefarbenen Hose, die aus demselben rauen Stoff gemacht war wie mein kürbisfarbenes Hemd. Mein Blick blieb an den Füßen der beeindruckenden Gestalt vor mir haften. Meinen Kopf zu heben, widerstrebte mir. Scharf herannahende Schritte hallten den Gang hinab, das Tacken von Stiefeln auf Beton. Ein Rhythmus, ein Takt: tick, tack. Das Uhrwerk zog an mir vorbei, und ein Windstoß erfasste mein Gesicht, der sich in meinen müden Augen einnistete und auf der Hornhaut lag wie ein Eiswürfel. Ich blinzelte. Vielleicht war ich ja doch nicht hier, dachte ich, vielleicht war das Ganze nur ein Traum, und mein Körper lag auf der Intensivstation im Koma, und das einzige Gefängnis, in dem ich eingesperrt war, war mein Kopf. In meiner Laufbahn hatte ich genügend letale Verletzungen behandelt und einige meiner Patienten genauso wenig retten können wie mich selbst gerade jetzt. War es meine Schuld gewesen? Was war passiert? Auseinandergerissene Familien, Söhne, die ohne ihre Väter aufwuchsen. Und jetzt ließ ich meine eigene im Stich, weil die Justiz es so wollte. Obwohl ich der Letzte war, dem man Finanzprobleme vorgeworfen hätte. Ich brauchte nicht viel. Der Vorwurf, meine Tante ermordet zu haben, um an ihr Geld zu kommen, klang für mich aberwitzig, seitdem mich schwer bewaffnete Beamte aus meiner Wohnung geholt hatten.

Die Nachbarn, alte Leute aus der graugelben Sandsteinvilla rechts nebenan, waren als Augenzeugen aufgeführt worden und hatten ausgesagt. Das Fenster im Erdgeschoss des großzügigen, zweistöckigen Ziegelhauses in einem Vorort von Little Rock soll ich zerschmettert haben, wobei ich mir kaum vorstellen konnte, dass man mich zur angeblichen Tatzeit spät abends in der Dunkelheit hätte identifizieren können. Vielleicht hatte ich ja doch nicht auf dem Sofa gelegen, sondern auf irgendeiner Droge irrwitzige Ideen bekommen, wie sich mein Verstand in den letzten sechs Monaten sagen wollte. Ich besann mich, sammelte meine Entschlossenheit: „Ich muss hier raus.“ Meine Frau erwartete meinen Sohn; ihn in den nächsten fünfzehn Jahren nur ein-, zweimal im Monat aufwachsen zu sehen, bis man mich auf dem elektrischen Stuhl festband und meinem geplagten Selbst den Rest gab, kam nicht infrage.

„Adams, was ist das?“ riss mich aus meiner Trance. Schnell trat ich zur Seite und gewährte dem Wärter Eintritt in meine Zelle, der meine flimsige Bettdecke hochhob und das Nichts auf dem Laken darunter anstarrte. Man suchte den Teufel in mir, ebenjenen, den es nicht gab. Im Hinaustreten funkelte mich das mindestens zwei Dutzend Zentimeter kleinere Männchen von unten herauf an. An mir hatte er ganz besonders einen Narren gefressen, es war nicht das erste Mal gewesen.
Sobald das Männchen am Ende des schmalen, von Beton umgebenen Ganges angekommen war, stellten wir Insassen uns paarweise in seine Richtung auf, und zusammen mit dem Riesen an meiner Seite lief ich in den grasbedeckten Innenhof der Maximum Security Unit, Tucker, Arkansas. Hier drinnen erwirtschaftete ich mein Einkommen nicht im OP, sondern in der Wäscherei. Die schmutzige Kleidung, Berge von Handtüchern und die teilweise blutigen Laken wurden alle zwei Tage eingesammelt und uns übergeben. Wir weichten sie mit den Händen in Bleiche und Waschmittel ein und schrubbten, wobei das anschließende Trocknen eine Maschine übernahm. Die gefaltete Wäsche wurde in Wagen gelegt und an einer Seite des weiß gefliesten Raumes aufgereiht, woraufhin die Angestellten sie nach Schichtende der Insassen ihren jeweiligen Bestimmungsorten zustellte. Als ich das Wäschereigebäude durch die stellenweise rostige Tür betrat, die mich in den weiten Raum mit der niedrigen Decke ausspie, schoss der stechende, zitronige Geruch der Bleiche meine Nase hinauf, und in den Innenwinkeln meiner Augen formten sich kleine Tröpfchen, die funkelnd meine Wangen hinunterliefen. Der mit einem Streifen Tesafilm an der senfbraunen Pinnwand links neben dem Eingang festgeklebte Plan, der von mir und weiteren Insassen gemustert wurde, teilte mich fürs Falten der getrockneten Textilien ein. Für mich stellte das eine positive Wendung des Tages dar, endlich mal nicht mit aufgequollenen oder nach Schweiß und Blut stinkenden Fingern meine Schicht zu beenden. Eine Einteilung zum Trocknen erfolgte nicht oft, da dort im Vergleich zu anderen Stationen nur ein Bruchteil von Männern gebraucht wurde. Die Faltenstrichliste in meinem Kopf erweiterte sich heute auf vierzehn. Ganz unten in dem Drahtkorb, der für die schmutzige Wäsche vorgesehen war, lag ein Stapel dunkelblauer Kleider, keine der Art, wie sie die Insassen trugen, sondern die der Wärter, die in unregelmäßigen Abständen alle paar Monate gewaschen wurden. Freilich brauchten auch sie saubere und gut riechende Uniformen, und man sparte, so dachte ich mir, einiges Geld damit, die Dienstkleidung der Wärter in der hauseigenen Wäscherei reinigen zu lassen, wobei nachvollziehbarerweise der Schlüsselbund, Identitätskarten, Gürtel und Funkgeräte vorher entfernt wurden.

Ich griff, zog gerade, faltete, griff, zog gerade, faltete, bis meine Gelenke schmerzten, stundenlang. Die Zeiger der an die Fliesen angeklebten Uhr krochen über die Markierungen. Zum Schichtende hin landeten die ersten Wärteruniformen auf dem Edelstahltisch, vor dem ich stand, und der ältere, grauhaarige Mann neben mir legte die Bündel sanft in den speziell für die Uniformen vorgesehenen, hüfthohen blauen Plastikwagen, der sich von den anderen Drahtwagen unterschied. Er war zu etwa zwei Dritteln mit dunkelblauen Uniformhosen und -jacken gefüllt, als am anderen Ende des weitläufigen Raumes ein Weckerklingeln ertönte, das von den vielen glatten Oberflächen abprallend spitz an mein Ohr trat. Augenblicklich warfen alle um mich herum das, was sie gerade in den Händen hielten, hin und liefen in zügigen Schritten in Richtung der einzigen für Insassen geöffneten, auf den quadratischen Hof führenden Tür, um ihren Auslauf draußen zu verbringen. Mein Blick fiel auf den blauen Wagen. Da die Tür sich genau in meiner Blickrichtung befand und jeder mir den Rücken zuwandte und ich davon ausgehen konnte, dass sich niemand nach mir umdrehen würde, ergriff ich die Gelegenheit und stürzte zum Uniformwagen. Ich begann damit, die Kleidung auf eine Seite zu schichten, und setzte mein linkes Bein hinein, wobei sich die Bodenplatte wölbte. Ich musste mich wegen dieses Gefühls der Instabilität mit der Rechten am Rand festhalten und verlagerte meinen Schwerpunkt in den Wagen, mein rechtes Bein nachziehend. In Embryostellung versuchte ich, auf dem Boden des Wagens Platz zu finden, und hatte liegend Schwierigkeiten damit, meine langen Beine so zu falten, dass sie Platz fanden, ohne unnötig in die Höhe zu sprießen. Mit geducktem Kopf legte ich die vorher umgeschichteten Kleider auf beide Beine und meinen Oberkörper, bis ein Schatten über mein Gesicht fiel. „Was wird denn das?“, krächzte der alte Mann, der noch kurz zuvor den Wagen befüllt hatte. Panik stieg in mir auf, ich schätzte meine Optionen ab. Aufspringen und aus der Tür treten, so tun, als ob nichts gewesen wäre? Nein. Oder ihm meinen improvisierten Plan erläutern? Ich kam zu keiner Entscheidung, weil er schon angefangen hatte, weitere Kleidungsstücke auf meinen Körper zu legen. „Leg deinen Kopf ab.“ Ich war sprachlos, da ich eine solche Gutherzigkeit innerhalb dieser Mauern nicht in meinen wahnsinnigsten Träumen erwartet hätte. Ich presste ein gekeuchtes „Danke“ heraus, das Adrenalin schoss immer noch durch meinen Körper. Die letzte Hose fand auf meinem Gesicht Platz, bevor es schwarz wurde. Er platzierte eine zweite Lage auf der ersten und sagte „Viel Glück“, was sich ebenso wie die nachfolgenden Schritte seiner Schlappen und das Einrasten der Tür dumpf anhörte.

Die durch eine Lichtschranke gesteuerte Deckenbeleuchtung ging nach ein paar Minuten aus, und es wurde dunkel im Raum. Ich hörte mir selber beim Atmen zu und genoss das Alleinsein, eine Sensation, die ich so lange nicht mehr erlebt hatte. Nach einer Stunde schliefen meine Glieder ein, und ich konnte der Versuchung kaum widerstehen, sie zu strecken. Auf einmal klapperte etwas, und Licht schimmerte leicht durch eine Ritze über mir. Etwas Metallisches, ein Ring, wie ich vermutete, klackte an den Griff meines Wagens, und ich wurde durchgeschüttelt, als man mich über die Türschwelle des sonst für uns Insassen verschlossenen Gangs schob. Ich hatte mir keine Gedanken darüber gemacht, was jetzt mit mir passieren würde, was wäre, wenn jemand die Uniformen herausheben sollte und mich entdecken würde, also geriet ich in plötzliche Panik. Nach einer nur kurzen Fahrt wurde ich abgestellt, und mit den sich entfernenden Schritten und dem Klacken eines Lichtschalters wurde es dunkel. Ich harrte aus. Es war still, daher schloss ich, dass ich an einem Ort sein musste, der nicht zum Zellenblock gehörte. Ich schob vorsichtig die Kleidung auf meinem Gesicht zur Seite und setzte mich auf. Durch das kleine, weit oben angebrachte, vergitterte Fenster drang ein wenig des dämmernden Tageslichts in den mickrigen, spärlich eingerichteten, weiß tapezierten Raum mit einem runden Furnierholztisch in der Mitte. Unter dem Fenster stand eine Pinnwand mit einigen Blättern und Notizen sowie Passbildern der Wärter. Ich musste in ihrem Pausenraum gelandet sein. Die Hofpause nach Schichtende sollte bald zu Ende sein, und die Zählung stand an, so kalkulierte ich, zu der immer alle Wärter anwesend sind. An der Wand gegenüber dem Fenster befand sich eine weitere weiße Tür, die ich bis jetzt übersehen hatte. Mein Orientierungssinn hatte mir vorgemacht, dass der Gang gerade wäre, deshalb schloss ich anhand der Richtung, in die die Tür abging, dass sie direkt auf den Parkplatz führen musste. Geistesabwesend, in der Furcht, gefasst und in die „Folterkammer“, so nannten die Insassen die dunklen Strafzellen, gesperrt zu werden, sprang ich auf und einige der gerade noch ordentlich zusammengefalteten Kleider fielen auf den Boden. Ich wankte zur Tür, meine Glieder waren vom Liegen immer noch etwas unsicher und krampften. Langsam drückte ich den lauwarmen Griff hinunter, gab einen Impuls weg von meinem Körper – und, kaum zu glauben, ich öffnete die Tür, wobei sich tatsächlich Asphalt vor mir erstreckte. Asphalt mit Fahrbahnmarkierungen, auf dem Autos standen, über die ich vor einem halben Jahr noch geflucht hatte. Mit dieser Aussicht auf Freiheit sprintete ich los. Nach einigen langen Schritten wandte ich meinen Kopf zur Seite, und zu meiner Linken erhob sich nach etwa fünfzig Metern ein Wachturm, auf dem ein Posten mit einem Maschinengewehr vor seiner Brust stand. Ich konnte trotz seiner Sonnenbrille spüren, dass er mich im Blick hatte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der verzerrte Alarm zu schrillen anfing. In mein linkes Ohr kroch die Information, dass man schießen würde, würde ich mich nicht auf den Boden legen, was ich aber als weniger hilfreich für meine Flucht ansah. Mit Tunnelblick nach vorne lief ich in die Richtung der rotweiß gestreiften Schranke an der Stirnseite des Parkplatzes, die immer noch offen stand. Klunk, klunk, schlugen zwei Geschosse hinter mir ein, das dritte erzeugte einen weicheren, gedämpften Ton. Mein rechtes Bein knickte plötzlich kraftlos weg, und ich lag da wie ein nasser Sack.

Nun liege ich hier, Blut sickert aus einem kleinen Loch einen Fingerbreit neben meinem rechten Rippenbogen auf Höhe der neunten Rippe, was höchstwahrscheinlich zu einer sternförmigen Wunde in meiner Leber führt. Ich habe schon einige Menschen mit Schussverletzungen behandelt, die in meine chirurgische Abteilung eingeliefert worden waren. Lediglich diejenigen, die schnelle Hilfeleistung erhalten hatten, besaßen gute Chancen, zu überleben. Ich bin mir nicht sicher, ob man mich einfach verbluten lassen wird, auf meinem staubigen ockerfarbenen Bett aus festgetretenem Sand, der meine Haut hinaufkriecht wie eine Schlange und sich langsam meiner bemächtigt.