Britt Gerken

Über die Autorin

Emilia Turczynsky

ist 17 Jahre alt und zurzeit Schülerin in Berlin. Seit 2015 ist sie den Büchern vollkommen verfallen, schreibt seit zwei Jahren auf ihrem Blog „Emilias Leidenschaft“ Rezensionen und schildert auf Instagram (@emilias.leidenschaft) ihre Leseeindrücke. Die ersten Schreibversuche gab es schon vor einigen Jahren, doch erst jetzt hat sie ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckt und würde sich wünschen, zukünftig diese ausleben zu können.

Lesedauer: ca. 3 min

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Funkelnder Shakespeare

Layna stürzt aus dem Matheunterricht, auf dem Rücken den schweren Rucksack. Sie stößt gegen etwas Hartes. Ihr Blick wandert nach oben, und vertraute smaragdgrüne Augen blinzeln sie an. Wie hypnotisiert starrt sie ihn an, und keiner der beiden bewegt sich. Die Zeit bleibt stehen. Ihre Haut prickelt unter seinem intensiven Blick, und ihr schießt die Röte ins Gesicht. Sie schluckt. Der Hintergrund verschwimmt, und auf seinen Lippen bildet sich ein unverschämtes Lächeln, was Layna aus ihrer Erstarrung reißt. Sie huscht an ihm vorbei, wobei sie von seinem himmlischen Geruch umhüllt wird, und sie verflucht sich innerlich, dass sie diesen Duft so sehr mag. Er lacht in sich hinein: „Wir sehen uns nachher, o holde Julia!“, und deutet dabei eine Verbeugung an. Sie achtet nicht auf sein Schauspiel und versucht sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen, bis sie draußen ist. Layna steigt in ihr kleines Auto, wirft ihren Rucksack auf die Beifahrerseite und startet hastig den Wagen, um ins Theater zu fahren.

Sie steht auf der Bühne. Hell beleuchtet von den Scheinwerfern macht sie ein paar Übungen zur Auflockerung. Ob sie seinetwegen so angespannt ist, fragt sich Hale amüsiert. Er verfolgt fasziniert ihre federleichten Bewegungen und mustert sie von der anderen Seite des Theaters. Ihr schlankes Gesicht wird von schwarzen Haaren umrahmt und lässt ihre Haut noch heller wirken. Sein Blick gleitet zu ihren vollen Lippen und verweilt dort eine Weile, bis er sich kopfschüttelnd abwendet, um sich hinter den Kulissen zu positionieren.

Ich schaffe das … oder vielleicht doch nicht? Es ist ja nur eine Szene. Beruhige dich! Aber was, wenn ich es vermassle? Oh Gott! Ich werde es ganz sicher vermasseln! Okay … ganz ruhig. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausat… Oh nein. Er kommt auf mich zu. Warum grinst er so? Ich hasse es. Okay, vielleicht mag ich es, aber das ist doch egal. Nur noch drei Schritte. Zwei. Einer … ich bekomme keine Luft. „Hey!“ Ein einfaches „Hey!“? Okay, damit kann ich umgehen. Was sag ich jetzt, was sag ich jetzt? Oh Gott, er wartet auf meine Antwort. „Hi!“ Großartig, Layna! Sehr einfallsreich! „Ist alles in Ordnung bei dir? Du wirkst so nervös?“ Sieht man mir das so sehr an? Wie soll ich denn eine gute Schauspielerin werden, wenn ich nicht einmal meine Nervosität verstecken kann? „Ja ein wenig“, jetzt zittert auch noch meine Stimme. Warum bin ich so ehrlich zu ihm? Sie fährt sich durch die Haare und versucht, ihm nicht in die Augen zu sehen. Er jedoch lässt sich nicht von ihren Bemühungen beirren und hebt ihr Kinn, damit sie ihn ansehen kann. Layna windet sich unter seinem eindringlichen Blick, woraufhin Hale seine schweren Hände auf ihre Schultern legt, um sie zu beruhigen. Er selbst entspannt sich nun auch. Ihre Herzen schlagen im Gleichklang, und die Atmung ist synchron. Die Nervosität lässt nach. So verweilen sie einige Zeit, bis Layna die Augen schließt und Hale sie behutsam loslässt. Sie fühlt noch das starke Prickeln auf ihrer Haut, dort, wo er sie berührt hat. Ein Schwarm Schmetterlinge flattert in ihrem Bauch, als sie die Augen wieder öffnet. Er lächelt sie beinahe schüchtern an, nimmt eine ihrer Strähnen und streicht sie hinter ihr Ohr. „Bereit?“ Sie nickt, unfähig etwas zu erwidern.

„Oh Romeo! Warum denn Romeo? Verleugne deinen Vater, deinen Namen! Willst du das nicht, schwör’ dich zu meinem Liebsten, und ich bin länger keine Capulet!“ Die Zeilen fließen nur so über ihre Lippen, und von der Nervosität ist nichts mehr zu spüren. Layna hält das Skript in der Hand, achtet aber nicht auf die Zeilen. Sie ist zu Julia geworden und Hale zu Romeo. „Ich nehme dich beim Wort. Nenn’ Liebster mich, so bin ich neu getauft, ich will hinfort nicht Romeo mehr sein.“ Hales Worte erfüllen das Theater. Layna gleitet fast aus ihrer Rolle, wegen der Ernsthaftigkeit, mit der er Romeos Worte spricht. Als würde er das nicht spielen, sondern wirklich so meinen. „Du weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht, sonst färbt Mädchenröte meine Wangen um das, was du vorhin mich sagen hörtest. Gern hielt’ ich streng auf Sitte, möchte gern verleugnen, was ich sprach: doch weg mit Förmlichkeit! Sag, liebst du mich? Ich weiß, du wirst’s bejahn, und will dem Worte traun. … O holder Romeo! Wenn du mich liebst: Sag’s ohne Falsch!“ Zitternd wartet sie auf eine Antwort. Unsicher, ob er als Romeo oder Hale sprechen wird. Er geht näher auf sie zu. Legt seine Hand auf ihre Wange. „Ich schwöre, Fräulein, bei dem heil’gen Mond, der silbern dieser Bäume Wipfel säumt …“ Sie schüttelt leicht den Kopf, mit Tränen in den Augen. „O schwöre nicht beim Mond, dem Wandelbaren, der immerfort in seiner Scheibe wechselt, damit nicht wandelbar dein Lieben sei!“ Ihre Stimme ist verzerrt vor Verzweiflung. Hale wischt eine Träne mit dem Daumen weg. Ein liebevoller Ausdruck bildet sich auf seinem Gesicht. Seine harten Züge werden weicher. „Wobei denn soll ich schwören?“

Zu Hause angekommen, sprintet sie nach oben in ihr Zimmer, verbannt wütend ihren Rucksack in die hinterste Ecke und schmeißt sich auf ihren Sessel. Er nimmt neben dem kleinen Tisch ihren gesamten Erker ein. Von dort aus kann sie auf die wenig belebte Straße blicken und die letzten Sonnenstrahlen des Nachmittags auf ihrer Haut spüren, um sich zu entspannen. Dafür steht dieser Sessel. Ruhe. Egal in welcher Situation sie ist, das war immer ihre Fluchtmöglichkeit. Er schmiegt sich perfekt an ihren Körper, wenn sie ihre Beine auf die Sitzlehne legt und sich an die samtige Rückenlehne kuschelt. Heute aber wird sie nicht zur Ruhe kommen. Warum denn nur Shakespeare?